Historischer Überblick
Aufstand in Frankfurt
Der Brötchenaufstand von 1848
Der Bierkrawall von 1873
 

 

Teil 2

Aufstand in Frankfurt

Nach den Erkenntnissen aus Teil 1 kommt man nicht um die Erkenntnis herum, dass der Frankfurter einen eher beharrlichem, ja fast kontemplativem Charakter besitzt und ihm der Gedanke an Revolution und Aufruhr fremd ist, es sei denn es bestünde dabei die Gelegenheit, an auswärtige Teilnehmer Salzgebäck zu verkaufen. Dennoch gab es in der Frankfurter Geschichte zwei erfolgreiche Aufstände. Dazu gehören jedoch nicht, wie man vielleicht nach einem Blick in das Geschichtsbuch meinen könnte, der Fettmilch-Aufstand von 1612 und der Frankfurter Wachensturm von 1833 oder gar die "46 Artikel" von 1525 und die Revolution von 1848. Wie eine nähere Betrachtung zeigt, erweist sich keines dieser Ereignisse als sinnvoll oder gar erfolgreich, jedenfalls nicht was die beteiligten Frankfurter betrifft:

1525 findet der Bauernkrieg in Frankfurt seinen Höhepunkt in der Formulierung der "46 Artikel". Der Kanoniker des Liebfrauenstifts notiert dazu in sein Tagebuch, dass Bewohner Sachsenhausens und der Neustadt "eyn conspiracion gemacht widder rat und geystlichkeit." Der Titel dieser "conspiracion" war jedoch "Sechs undviertzig Artickel: So die Gemeyn / einem ersamen Rath der löblichen Statt Franckfort (in denen sie sich beschwert erfinden) fürgehalten. Welche mit Verwilligung beder theyls / fürthin also verstreckt werden söllen." Ein Ereignis, bei dem das Volk die Regierung als ehrsam bezeichnet, kann man wohl kaum als gelungenen Aufstand bezeichnen. Jedenfalls dürfte dabei nicht viel Salzgebäck verkauft worden sein.

Deutlich dramatischer verlief der Fettmilch-Aufstand von 1612, dessen Name nicht auf Molkereiprodukte zurückzuführen ist, sondern auf seinen Anführer Vinzenz Fettmilch, einen Lebkücher und Mitglied der Fettkonditorenzunft.(Die Frankfurter Variante des Lebkuchens heißt Hartekuche: ein Gebäck, dass man erst dann für genießbar hält, wenn es die Konsistenz von Terrakotta angenommen hat. Feinde fürchten sich davor.) Der Aufstand begann mit z.T. vernünftigen Forderungen: mehr Mitspracherecht der Zünfte im Stadtrat, Senkung der Getreidepreise und Begrenzung der Zinsen. Ein Kompromiss schien nahe, doch die Situation eskalierte und der Aufstand endete mit der Plünderung der Judengasse und der öffentlichen Hinrichtung der Wortführer Fettmilch, Gerngroß, Schopp und Ebel, deren Köpfe anschließend - wie damals üblich - auf dem Brückenturm ausgestellt wurden. Die Strafe für die anderen Beteiligten belief sich auf insgesamt 1.300.000 Gulden, die an den Kaiser zu zahlen waren.
 

Die Ermordung von Fürst Lichnowsky.
Rechts neben ihm holt Henriette Zobel
mit dem Regenschirm aus.

Der Frankfurter Wachensturm wird gerne in Geschichtsbüchern als Beispiel für lokale Aufstände in der Vormärzzeit angeführt: Fünfzig zu allem entschlossene junge Männer, Burschenschafter und polnische Emigranten, stürmten 1833 die Konstablerwache und die Hauptwache, die Wachlokale der Frankfurter Stadtpolizei, um die dort inhaftierten Publizisten Funck und Freyeisen zu befreien. Anschließend sollte die Bevölkerung sich erheben, das Bundespalais besetzt, die Gesandten beim Bundestag verhaftet und - nach einer allgemeinen nationalen Erhebung - die Republik ausgerufen werden. Keines dieser Ereignisse fand statt, denn die Bevölkerung erhob sich zwar, allerdings nur aus der Chaiselongue, um vom das merkwürdige Geschehen vom Fenster aus zu betrachten.

Die Beteiligung von Frankfurtern an der Revolution von 1848 beschränkte sich schließlich im Wesentlichen darauf, dass die Bornheimer Lithographengattin Henriette Zobel mehrmals mit einem Regenschirm auf Fürst Lichnowsky einschlug, während dieser von auswärtigen Revolutionsgästen ermordet wurde.

Keines dieser Ereignisse kann man wohl als gelungenen Aufstand bezeichnen. Der Grund für die Erfolglosigkeit liegt zweifellos in der mangelnden Motivation der Beteiligten: Wer sich vor allem um das Wohlergehen seiner Vorräte sorgt, für den hat die Befreiung inhaftierter Publizisten nur einen begrenzten Wert. Dennoch gab es in Frankfurt zwei zweifellos erfolgreiche Aufstände. Deren Ursache waren die Größe von Backwaren und der Preis von Bier, zwei Umstände also, die mitten ins Herz des Frankfurters zielen.

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